MARTA-PRESS

Lerke Gravenhorst / Ingegerd Schäuble: Fatale Männlichkeiten. Der NS-Zivilisationsbruch. Ein neuer Blick.
Mit Beiträgen von Hanne Kircher, Jürgen Müller-Hohagen und Karin Schreifeldt.
   
  Marta Press, 2017
ISBN: 978-3-944442-51-8 
   
 

Die fünf AutorInnen sind in ihren jeweils eigenen Tätigkeitsfeldern professionell mit dem „NS Zivilisationsb­ruch und seine bis heute nach­wirkenden Gefühlserbschaften“ beschäf­tigt. Sie treffen sich darüber hinaus re­gelmäßig auch im Rahmen eines eigens gegründeten Kolloquiums, um gemeinsam aufdeckend an diesem be­sonderen Befund zu arbeiten. Auch das Buchprojekt „Fatale Männlichkeiten“ wurde hier vielfach und intensiv bespro­chen. Es hat – eingebettet in die solidarischen Bemühun­gen um einen verstehen­den und verantwortlic­hen Umgang mit diesen Erbschaften – in einer gemeinschaftlichen Bemühung die Fein­bearbeitung erfahren.

 

Lerke Gravenhorst

Geb 1942. Prof. (apl.), PhD (University of Minnesota), Dipl.-Soziologin. Sie war früh engagiert in der feminist­isch sensibilisierten Familien-, Frauen- und Geschlechterforschung sowie in der dazugehörigen Wissenschaftsp­olitik, hat als wissenschaftliche Referentin langjährige Arbeit für das Deutsche Jugendinstitut (München) geleistet und an den Universitäten in Bremen, Frankfurt a.M. und Dortmund Aufgaben als Privat­dozentin und Gastprofessorin wahrgenommen. Jetzt lebt und arbeitet Lerke Gravenhorst in Ahrens­burg bei Hamburg.

Im Laufe ihrer wissenschaftlichen Arbeit konnte sie immer stärker einem schwierigen Erkenntniswunsch Aus­druck geben – der Aufklärung der NS-Verstrickung in ihrer elterlichen Familie, besonders der herausgehobe­nen, männlich-institutionellen Verstrickung ihres Vaters. So entstanden theoretische und empirische Analy­sen, in denen Lerke Gravenhorst versuchte, die Geschlechterstrukturierung der Unmenschlich­keit des NS-Sys­tems und des späteren, auf diese Unmenschlichkeit zu beziehenden Geschichtsbewusst­seins zu erhellen. Ihre Aufmerksamkeit galt dabei vor allem dem wissenschaftlich-öffentlichen Umgang mit der Staat und Gesell­schaft bestimmenden normativen Matrix fataler Männlichkeiten in ihrer Relevanz für das Erfinden und Tun der NS-Untaten. Eine spezifische, eine unmenschli­che Version von Männlichkeit erschien ihr immer unabweisba­rer als diejenige Kraft, die primär das Sys­tem der NS-Destruktion voran­getrieben hat.

Einige ihrer Veröffentlichungen in diesem inhaltlichen Zusammenhang:

  • NS-Verbrechen und asymmetrische Geschlechterdifferenz. Eine kritische Auseinandersetzung mit his­torischen Analysen zur NS-Täterschaft, in: Elke Frietsch / Christina Herkommer (Hg.), Nationalsozial­ismus und Geschlecht. Bielefeld (transcript) 2009, S. 86-103
  • NS-Verbrechen. Männerdominanz und Frauenresonanz, in: Macht und Gesellschaft. Männer und Frauen in der NS-Zeit. Eine Perspektive für ein künftiges NS-Dokumentationszentrum München, Mün­chen (Selbstverlag des Initiativkreises) 2004, S. 24-38 (auch zu finden unter: https://opacplus.bib-bvb.de/TouchPoint_touchpoint/singleHit.do?methodToCall=showHit&curPos=1&identifier=21_FAST_1389255402
  • Moral und Geschlecht. Die Aneignung der NS-Erbschaft, Freiburg i. Br. (Kore) 1997
  • mit Carmen Tatschmurat (Hg): TöchterFragen. NS-FrauenGeschichte, Freiburg i.Br. (Kore)1995 (1990)

Mehr Informationen: http://www.lerke-gravenhorst.de

 

Ingegerd Schäuble

Geb. 1948. Diplom-Soziologin, Supervisorin DGSv (Deutsche Gesellschaft für Supervision), seit 1978 in eigen­em Institut in München.

In sozialwissenschaftlichen Forschungen, Supervisionen, Dialogmoderationen und biografischen Arbei­ten, aber auch in ehrenamtlichen Engagements in der Friedens- und Frauenbewegung stehen im Zentrum der Re­flexion Fragen

  • zur Bedeutung von Geschlechterrollen und Geschlechtszuweisungen sowie zu weiteren geschlechter­politisch relevanten Themen
  • zur Herausbildung von Kooperations­fähigkeit und Konfliktlösung in sozialen Zusammenhängen
  • zur Entwicklung von gemeinschaftssensiblen respektierenden Lebens- und Gesellungsformen.

In allen angesprochenen Bereichen finden sich bis heute Spuren und Prägungen aus der beson­deren deut­schen Geschichte, v.a. des Nationalsozialismus. Oft wollen sich solche Prägungen einer aufde­ckenden Bear­beitung entziehen – ganz besonders, wenn es um Gefühlserbschaften geht, die unausge­sprochen auch in den Vorstellungen zu den überkommenen Geschlechterrollen und -strukturen einge­schlossen sind. Daher ist be­sondere Achtsamkeit nötig beim Aufspüren dieser Erbschaften.

Zunächst in der soziologischen Spurensuche zusammen mit Lerke Gravenhorst stellte sich die Frage, ob und wie Geschlechterrollen und -strukturen in der NS-Zeit gesellschaftsprägend instrumentalisiert wur­den. Im transdisziplinären Diskurs der Kolloquium-Gruppe wurden diese sozialwissenschaftlichen Refle­xionen fachlich noch erweitert durch den psycho­analytischen, den psychologischen und den künstleri­schen Blick. Fatale Männlichkeiten und damit korrespondierende entspre­chende Weiblichkeiten, welche eine Gesellschaft maßgeb­lich strukturieren, gehen in das jeweils geltende Menschenbild ein. So bekommt die Publikation eine Be­deutung auch für diejenigen, die ihren Blick bei der Analyse der heute aktuellen Wanderungs- und Fluchtbew­egungen und der weltweiten sozialen Eruptionen diesbezüglich weiten wollen.

Erfahrungshintergrund: Verschiedene Forschungsprojekte/ Moderationsaufgaben/ Supervisionsaufträge/ Team­entwicklungen haben sich mit – oft als heikel empfundenen – Geschlechterrollen-Konstruktionen und Geschlechterstrukturen be­schäftigt. Zu nennen sind bspw. Beauftragungen durch Gleichstellungs­stellen, Frau­enprojekte und Frauen­ministerien. Aber auch scheinbar neutrale Themen, die vordergründig zunächst nicht ohne weiteres mit Geschlechterrollen oder der Zeit des Nationalsozialismus in Verbin­dung zu bringen sind, zeigen in der Analyse oftmals solche Bezüge. So werden beim ersten Hinsehen unauffällige Aufgaben, wie z.B. die akti­ve Ge­staltung des eigenen Wohnquartiers oder die kooperative Entwicklung einer positiv tragenden Team-Kul­tur oft erschwert durch hintergründig wirkende Gefühls-Erbschaften wie Misstrauen, Missgunst, Ent­wertung, Ausgren­zung. Zurückgeführt auf soziale Prägungen, Schuld- bzw. Schambelastungen als Erbe frühe­rer Generationen, die bearbeitet und durch korrigierende Erfahrungen verändert werden können, las­sen sich in unserer Gesellschaft zukunftsge­staltende Prozesse in Gang zu bringen.

Mehr Informationen: http://www.schaeuble-institut.de

 

 

Hanne Kircher,Künstlerin und Kunsttherapeutin

Geb. 1942. Ausbildung an der Freien Studienstätte für Künstlerisches und Therapeutisches Gestalten, Mün­chen. Bildhauerische Weiterbildung bei der Bildhauerin Christiane Demenat, Schwabhausen. Mit­glied beim Bundesverband Bildender Künstler, BBK München und Oberbayern. Auslandsaufenthalte: 3 Jahre USA, 5 Jahre Paris. Seit 2000 Malkurs für Menschen mit geistiger Behinderung bei der Caritas in Fürstenfeld­bruck.

Verschiedene Langzeitprojekte:

  • seit 13 Jahren interkultureller Dialog mit Künstlerinnen und Künstlern aus Essaouira, Marokko
  • seit 2005 künstlerische Auseinandersetzung zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus, auch für die KZ-Gedenkstätte in Dachau
  • zunehmend Kooperation mit PsychotherapeutInnen zu diesem Thema
  • künstlerische Begleitung des englisch-deutschen Projekts zu den Spuren des Ersten Weltkriegs in den Familien. Meeting in No Man’s Land – Begegnung im Niemandsland

Ausstellungen, u.a.:

  • 2012 Ärztlich-Psychologischer Weiterbildungskreis für Psychotherapie und Psychoanalyse, Mün­chen/Südbayern e.V. (ÄPK): „KZ-Gedenkstätte in Dachau. Ritual. Pro­tokoll in Form einer künstleris­chen Arbeit“ erweitert durch eine „Hommage an 1.600 Men­schen“. Im Team mit Karin Schrei­feldt, Psychoanalytikerin, und Dr. Müller-Hohagen, Psycholo­gischer Psy­chotherapeut, ist es gelun­gen, die im Ärztlich-Psychologischer Weiterbildungskreis für Psychotherapie und Psychoanalyse, München/Südbayern e.V. (ÄPK) begonnene diskursive Verarbeitung der Mensch­heitsverbrechen und des Zivilisationsbruchs der NS-Zeit im Dialog zwischen Kunst und Psycho­therapie/ Psycho­analyse in einer Finissage mit Max Mannheimer weiterzuführen.
  • 2005 Galerie Adelgund Janik, München (Einzelausstellung)
  • 2005 Ev. Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte, Dachau (Einzelausstellung)

Mehr Informationen: http://www.hanne-kircher.de

 

 

Dr. JürgenMüller-Hohagen

Geboren 1946 in einer Familie, deren Mitglieder in der NS-Zeit zu den sogenannten Mitläufern gehörten; Di­plom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut; bis 2011 Leiter einer Erziehungs- und Familienberat­ungsstelle in München; seit 1982 wohnhaft in Dachau, längere Zeit dort tätig im Vorstand des zeitgeschichtlic­hen Vereins „Zum Beispiel Dachau“, intensiver Kontakt zu ehemaligen Häftlingen und histo­risch Forschen­den; aufmerksam geworden für blinde Flecke im persönlichen wie im beruflichen Be­reich, auf dieser Grundla­ge innerhalb der psychologischen und psychotherapeutischen Arbeit Erfor­schung von seelischen Nachwirkun­gen der NS-Zeit; Organisation von Tagungen und seit 1988 zahlreiche Veröffentli­chungen, Vorträge, Seminare in Deutschland und im Ausland; 2001 zusammen mit Ingeborg Müller-Ho­hagen Gründung des „Dachau Insti­tut Psychologie und Pädagogik“; in der psychologisch-psycho­therapeutischen Praxis in Dachau weiterhin Fokus auf seelischen Nachwirkungen der NS-Zeit mit ihren verschiede­nen Hintergründen.

Buchveröffentlichungen:

  • Psychotherapie mit behinderten Kindern (1987, Kösel, München)
  • Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Die seelischen Auswirkungen der Nazizeit (1988, Kösel, Mün­chen)
  • Geschichte in uns. Seelische Auswirkungen bei Nachkommen von NS-Tätern und Mitläufern (1994, Knesebeck, München / 2002, pro business, Berlin, book-on-demand)
  • Verleugnet, verdrängt, verschwiegen. Seelische Nachwirkungen der NS-Zeit und Wege zu ihrer Über­windung (2005, Kösel, München)
  • in Co-Herausgeberschaft mit Nea Weissberg: Beidseits von Auschwitz. Identitäten in Deutschland nach 1945 (2015, Lichtig, Berlin)
  • zusammen mit Ingeborg Müller-Hohagen: Wagnis Solidarität. Zeugnisse des Widerstehens ange­sichts der NS-Gewalt (2015, Psychosozial, Gießen)

Mehr Informationen: http://www.dachau-institut.de

 

 

Karin Schreifeldt

Geb. 1956. Psychoanalytikerin in eigener Praxis in München.

Geboren und aufgewachsen in Dachau, in der Nähe des früheren KZ Dachau. Auf der Suche nach der Aufarbeit­ung des Nazi-Erbes, fußend auf die 1968-er Bewegung, verbunden in der Frauen- und Friedensbewe­gung. Dabei immer deutlicher erkennend, wie stark das Erbe des Nationalsozialismus bis heute Beziehun­gen, Bindungen, Freundschaften prägt und beeinflusst. Mit der Methode der Psychoanalyse eine Möglich­keit entde­ckend, die nonverbalen, sich transgenerational vermittelnden verinnerlichten Muster als unbe­wusste frühe Prä­gungen zu entdecken mit der Möglichkeit der Veränderung. Und dadurch auch in der psycho­therapeutischen Praxis Menschen dabei behilflich sein zu können, sich berühren und tiefe Bindungen in sich entstehen zu lassen.

Mehr Informationen: http://www.karin-schreifeldt.de

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