MARTA-PRESS

Jan C. J. Liefhold: "»So elend und so treu...« Die Konstruktion und Funktion eines Zigeunerstereotyps und dessen Erscheinungsbild in der Wiener Operette (1885-1938) im soziologischen Kontext der Entstehung stereotyper Fremdbilder

 
 

Inhalt:
Mit dem Auftauchen der Romgruppen im europäischen Raum beginnt auch die sukzessive Marginalisierung und Stereotypisierung der Minderheit und deren Verortung als dezidiert negativ konnotierte Außenseiter. Gleichzeitig begann mit der substantiellen Ausgrenzung der Minorität die Konstruktion eines Zigeunerstereotyps in der europäischen Mehrheitsgesellschaft, eines stereotypen Fremdbildes über die einwandernden fremden Gruppen. Die Stereotype, mit denen die real existierenden Romvölker überlagert wurden, reichten vom notorischen Hang zu Kriminalität über Fähigkeiten im Bereich der schwarzen Magie bis hin zur ausgelebten Religionslosigkeit und Blasphemie. Unter dem Begriff „Zigeuner“, dem kein ethymologisch belegbarer Ursprung nachgewiesen werden kann und der schon aufgrund dessen jeden Bezugsrahmen entbehrt, wurde seit der Frühen Neuzeit ein Konglomerat an stereotypen Fremdbildern zusammengefasst, welche jedoch keine, oder nur sehr bedingt, Entsprechung in der Realität finden.
Im 19. Jahrhundert entstand aus dem bis dahin mehrfach transformierten Zigeunerstereotyp die sogenannte „Zigeunerromantik“, welche sich in Kunst, Musik und Literatur in Form einer stilisierten Verherrlichung des „Zigeunerlebens“ manifestierte. Die Wiener Operette rezipierte zunächst vor allem dieses stilisierte Bild der Zigeunerromantik verstärkt in ihren Werken. Die „Zigeuner“ wurden jedoch auch in der Operette nicht realitätsgetreu abgebildet, es wurden auch hier ausschließlich Stereotype über die Marginalgruppe konstruiert, die einen ebenso romantisierenden wie auch diffamierenden, in jedem Fall aber realitätsfernen Charakter aufweisen.

Was jedoch den Operetten durch die gesamte Entwicklung hinweg gemein blieb, ist ein stereotypes Fremdbild über eine Marginalgruppe, das zu jeder Zeit einer realen Entsprechung entbehrte. Die Zigeunerstereotype tradierten sich auch durch die Werke der Wiener Operette, in welche sie in Musik und Libretto einflossen, und tun dies bis heute.
Das Bewusstsein dafür, das Stereotype sich, wie die sozialpsychologischen Forschung zeigte, auch unbewusst in der Wahrnehmung der Rezipienten verfestigen können, muss Anlass dafür sein, in der Aufführungspraxis über die Zigeunerstereotype in der Wiener Operette zu reflektieren und mit einem sensiblen Bewusstsein für stereotype Fremdbilder und Rassismen mit den Werken zu verfahren, um vorzubeugen, dass das diskriminierende Zigeunerstereotyp, das in der europäischen Mehrheitsgesellschaft seit dem 15. Jahrhundert virulent ist, in der Kunstform Operette weiterhin tradiert wird.

    Erscheint: Oktober 2015
     



© Marta Press 2015-09-08

Newsletter