MARTA-PRESS

Verena Schneider:

Leidbilder – Sex-Zwangsarbeit in nationalsozialistischen Lagerbordellen in Erinnerung und Forschung

   
 

Sexualisierte Gewalt gegen Frauen während des Zweiten Weltkriegs spielt als Forschungsgegenstand in der Geschichtswissenschaft immer noch eine Nebenrolle und ist nur selten Teil der Auswertung nationalsozialistischer Verbrechen. Sex-Zwangsarbeit weiblicher Häftlinge in den Lagerbordellen stellt dabei keine Ausnahme dar. Ganz im Gegenteil: das Leid, das die Frauen erfuhren, wurde umgedeutet, instrumentalisiert und schließlich jahrzehntelang vergessen.

Ab 1942 errichtete die SS in zehn Konzentrationslagern Häftlingsbordelle, in denen insgesamt etwa 170 Frauen unterschiedlicher Nationalitäten und Häftlingskategorien Sex-Zwangsarbeit leisten mussten. Nur vier berichteten nach dem Krieg darüber. Alle weiteren Berichte über Zustände und Lebensumstände im Bordell stammen von anderen weiblichen und männlichen Überlebenden, die entweder Kontakt zu den Frauen hatten, selbst das Bordell besuchten oder schlicht Hörensagen weitergaben. Zwar ist die Existenz von Häftlingsbordellen mittlerweile als historische Tatsache anerkannt und findet auch in den betreffenden Gedenkstätten Erwähnung, allerdings unterliegt die Darstellung des Schicksals der Sex-Zwangsarbeiterinnen bis heute der Deutungshoheit eines dominanten Überlebendenkollektivs. Diese Repräsentation wurde und wird von den meisten Historiker_innen adaptiert und fortgeführt.

Für das Forschungsprojekt analysierte die Autorin Interviews mit Überlebenden und stellt sie der Realgeschichte der Lagerbordelle gegenüber. Dies ermöglicht einen Blick in die Verhältnisse der Häftlingsgemeinschaft, in der Normen gesetzt und Bilder produziert wurden, die zum Ausschluss der Sex-Zwangsarbeiterinnen aus dieser Gemeinschaft führten. Die Auswertung der Berichte legt ein Netz von Ausschlussmechanismen und Diskreditierungen offen, welches die Erinnerung an das Leben und Schicksal der Sex-Zwangsarbeiterinnen nach Ende des Krieges nachhaltig formte und unwidersprochen Eingang in die Geschichtswissenschaft fand.

   
  Marta Press, Juni 2017
168 Seiten
ISBN: 978-3-944442-72-3
22,00 € (D), 24,00 € (AT), 26,00 CHF UVP (CH), 26,00 US$, 26,00 GBP, 32,00 AUS$

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